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Das Image des Drachen
Bleihaltige Spielwaren, Produktpiraterie im großen Stil, Hacker-Angriffe auf Ministerien: Der Ruf Pekings ist geschädigt, doch die Regierung reagiert trotzig und renitent. Der Versuch, sich vor den Olympischen Spielen im besten Licht zu präsentieren, dürfte scheitern.
Ein Kommentar von Henrik Bork, Peking
Nun wissen wir endlich, wer zittert, wenn China erwacht. Napoleon hatte seine Warnung einst ja nicht präzisiert.
Er hatte nur pauschal dazu geraten, den "chinesischen Drachen" schlafen zulassen. "Wenn er sich erhebt, erzittert die Welt", hatte Napoleon 1817zu einem britischen Gesandten in Paris gesagt.
Die ganze Welt? Nun kann man es genauer sagen. Es zittern amerikanische Autofahrer,denen auf dem Highway die in China produzierten Reifen platzen. Eszittern die Eltern, deren Kinder an bleihaltigem Spielzeug aus Chinagelutscht haben.
Es zittern die Autobauer bei BMW, denen in der Volksrepublik täuschend echt nachgebaute X5-Jeeps den Profit stehlen. Es zittern die Beamten im deutschen Außenministerium, weil chinesische Hacker ihre E-Mails lesen. Und es zittert IOC-Präsident Jacques Rogge, weil Radsportler bei den Olympischen Sommerspielen im Pekinger Smogröchelnd auf der Strecke bleiben könnten.
China hat ein Imageproblem, und zwar ein gewaltiges. Es vergeht kaum eine Woche, inder keine schlechte Nachricht aus Peking um die Welt geht. Der Versuchder kommunistischen Führung, sich vor und während der OlympischenSommerspiele im besten Licht zu präsentieren, dürfte scheitern.
"Kampagne des Westens"
Der zeit sieht es so aus, als werde das Licht der olympischen Fackel eher die Schattenseiten des Landes ausleuchten. Da enthüllt sich, Meldung fürMeldung, eine asiatische Entwicklungsdiktatur, die unverfrorengeistiges Eigentum stiehlt, im Ausland spioniert, minderwertige Produkte in alle Welt verschifft und daheim Umweltschutz und Menschenrechte missachtet.
Und wie reagiert China auf das Imagedesaster? Trotzig und renitent. Zwar hat Peking eine neueKommission eingerichtet, um die Produktqualität zu verbessern. Öffentlich aber wettern die Führer der Volksrepublik gegen eine "Kampagne des Westens", mit der Chinas wirtschaftliche Entwicklunggebremst werden solle. Statt gemeingefährlichen Produzenten dasHandwerk zu legen, stoppt Peking in einer billigen Retourkutsche denImport amerikanischer Sojabohnen, weil die angeblich verunreinigt seien.
Beim Thema Produktpiraterie geben die Kommunisten Lippenbekenntnisse ab,ohne das kriminelle Abkupfern wirklich zu unterbinden. Und in Sachen Umweltpolitik hat Premier Wen Jiabao gerade wieder zu seiner deutschen Besucherin Angela Merkel gesagt, er bekenne sich zu einer "gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung".
Das heißt im Klartext, dass China weniger für den Umweltschutz tun willals die entwickelten Länder. Diese Verweigerungshaltung auf breiter Front hat sowohl historische als auch systembedingte Gründe. Imkollektiven Gedächtnis wirkt noch immer die Kolonialzeit nach, in der Deutsche, Amerikaner und andere Ausländer Teile Chinas besetzt und daschinesische Kaiserreich gedemütigt hatten.
Die jetzige Führung,die den Mythos ihres Befreiungskampfes gegen Japaner und andere Imperialisten pflegt, denkt noch immer stark in nationalistischen Kategorien. Sie ist schlecht gerüstet für eine Welt, die zunehmendgemeinsam auf globale Herausforderungen antworten muss.
Chinas politisches System, unter Mao von der Sowjetunion übernommen, ist mit den Problemen der Marktwirtschaft und des Welthandels immer stärker überfordert. Nur eine offene Gesellschaft könnte all die neuenKonflikte schnell und möglichst menschlich lösen. Doch ohne freieGewerkschaften gibt es weder Schutz für Chinas Arbeiter, noch einen Schutz der Konsumenten vor fahrlässigen Produzenten.
Ohne unabhängige Gerichte gibt es weder Freiheit für politisch Andersdenkende, noch Rechtsschutz für Autohersteller. Ohne freie Medienerfahren Chinas Bürger nichts von korrupten Günstlingen derkommunistischen Partei, deren Fabriken die vorolympische Luft verpesten.
Jahrelang sind diejenigen, die in China Menschenrechte anmahnten, als Spinner bezeichnet worden. Auch deutsche Regierungen unter Kohl und Schröderhaben mitgeholfen, Chinas neue Hybris zu nähren. Dahinter stand daszynische Verständnis, dass uns die Unfreiheit der Chinesen nichtkümmern müsse, solange wir selbst Exportweltmeister bleiben. Diese Haltung rächt sich nun.
Denn das Leiden chinesischer Dissidenten, die für ihre Ideen inhaftiert werden, und die Gefahr durch Killermagnete in Deutschlands Kinderzimmern haben miteinander zu tun. Denn einer Diktatur sind Menschen einfach nicht so viel wert wie einer Demokratie.
Die Europäer können nicht sehr viel tun, um Chinas Führung zum Umdenken zu bewegen. Sie können aber wie Angela Merkel diesgerade wieder in Peking versucht hat, beharrlich für Werte wie Menschenrechte, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit werben. Das ist kein Gegensatz zum Eintreten für deutsche Wirtschaftsinteressen. Sollten die universellen Menschenrechte irgendwann einmal auch in China geachtet werden, dann wäre damit nicht nur den Chinesen geholfen. Auch Europas Konsumenten müssten weniger zittern.
Man darf heute den Drachen nicht mehr schlafen lassen, wie Napoleon noch empfahl. Jetzt -weniger als ein Jahr vor den Olympischen Spielen - muss China nach Kräften wachgerüttelt werden. |
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